Ist da jemand? Wem soll Digitalisierung eigentlich nutzen?

Gartner hat voriges Jahr seinen Hypecycle geändert.

3-D Druck ist nicht mehr so heiß, 4-D Druck ist nun ganz heiß.

Blockchain wird auch noch nicht zugetraut die Welt zu revolutionieren, smart dust aber nun doch, was immer das auch ist.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Der Hypecycle ist eine wichtige Orientierungshilfe in der Digitalisierung, die ich sehr schätze.

Er ist aber selbst referentiell, weil er das Potential von Technologien für die Wirtschaft mit den Augen der Wirtschaft sieht und bewertet.

Das funktioniert schon so nicht immer. Zur Erinnerung. Früher sind zu Silvester immer die SMS-Dienste wegen Überlastung ausgefallen. Die Lösung aus Sicht der Telekom-Provider hätte wohl an den Servern, dem SMS- Protokoll an sich oder der Bereitstellung von mehr Glasfaserlitzen bestanden.

Wir wissen wie das ausgegangen ist. Whatsapp und dem Internet gehört die Zukunft der Silvesterwünsche, bis die nächste disruptive Lösung zuschlägt. SMS ist und bleibt aber eine Kernanwendung der elektronischen und schnellen Komunikation. Whatsapp hat aber ein Problem extremer Knappheit gelöst. Das erscheint mir in bei all der Effizienzbegeistetung die derzeit herrscht wesentlich und verdient etwas mehr Aufmerksamkeit.

Das bringt mich wieder zum Hypecycle und seinem zentralen Shortcoming zurück, der fehlenden Knappheit.

Der Hypecycle ist selbstreferentiell. Weder Soziales noch Ökologisches oder Politisches dienen ihm als Ziel oder Vision. Es geht um reine Effizienz, also eine Verbesserung des Verhältnisses von Input zu Output.

Aber warum produzieren wir? Warum erschöpfen wir unsere Reserven an natürlichen Ressourcen und verschmutzen dabei die Umwelt?

Damit wir Wachstum generieren? Damit der Konsum und die Lebensqualität angekurbelt werden?

Damit wir effizienter, resilienter, smarter oder adaptiver werden?

Die neoklassisch geprägten Ökonomen, die Betriebswirte, Controller und erst Recht die Neo-Liberalen Befürworter der Entfesselung der Marktkräfte werden nicht zustimmen, aber ich möchte in Erinnerung rufen, dass es keiner dieser Gründe ist, der uns antreibt.

Es ist etwas in Vergessenheit geraten aber was uns antreibt sind elementare Probleme. Hunger, Armut, Krankheiten, Seuchen oder Bildungslosigkeit treiben uns seit Jahrtausenden an immer besser zu werden,die Naturgefahren immer mehr zu bändigen, unser Dasein immer mehr abzusichern und den ohnmächtigen Überlebenskampf in ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben zu verwandeln.

Es ist in Österreich offenbar in Vergessenheit geraten, aber erst zwischen 1887 und 1906 wurden Unfallversicherung, Krankenversicherung und Pensionsversicherung für alle, verpflichtend eingeführt.

Im Februar 1933, auf dem Höhepunkt der Arbeitslosigkeit, stand in Deutschland ein Heer von 6,1 Millionen sozial nicht abgesicherten Arbeitslosen 12 Millionen Beschäftigten gegenüber. Heute schirmen 40 Millionen Erwerbstätige 3,54 Millionen Menschen ohne Job ab (Die Presse, 2009). 

Diese Errungenschaften wurden jahrzehntelang errichtet und durch Gesetze – teilweise im Verfassungsrang – abgesichert.

Die Globalisierung hat die Schutzschranken des Erreichten morsch gemacht, wie Amerika drastisch zeigt.

Hunderte Millionen Chinesen haben so die Chance bekommen, sich aus der Armut emporzuarbeiten. In den USA hätten die Importe aus China hingegen 44 Prozent der Arbeitslosigkeit in den betroffenen Branchen verursacht. 1000 Dollar an zusätzlichen Importen hätten 500 Dollar an niedrigeren Einkommen in den USA zur Folge gehabt (Die Presse, 2016).

Und nun die Digitalisierung. Erneut könnte der schon extreme Lohndruck auf die verbliebenen Infustriearbeiter und sonstigen Angestellten massiv zunehmen.

Arbeitszeitgesetze, sichere Pensionen, Urlaubsansprüche werden konsequent in Frage gestellt, weil sie scheinbar nicht mehr leistbar sind.

Bis zu 40 % der Arbeitsplätze seien in Gefahr, weil sie durch Maschinen und Software ersetzt werden.

3.0 Millionen Menschen werden in Europa bis 2020 einen Roboterchef haben.
Menschen, Maschinen und Algorithmen werden enger kooperieren und kommunizieren, wenn es nach Gartner geht. Zum Beispiel mit „Human Brain Interaction“.

Doch erneut die Frage:“Wozu?“ und „Cui Bono?“, wem nützt das alles? Wem solte es nützen?

An erster Stelle steht meistens der Konsument. Für ihn passiert das scheinbar alles.

Dieses Konzept stößt in den entwickeln Ländern schon länger an Grenzen der Sättigung. Seit der Wirtschaftskrise 2008 hat man die Gans die goldene Eier legen soll fast geschlachtet. Reallohnverluste, starke Steigerung der Lebenserhaltungskosten und unsichere Perspektiven haben die Lust am Konsum drastisch gesenkt.

Und jetzt soll die Digitalisierung, mit der eigentlich meistens eine Automatisierung von industriellen Abläufen gemeint ist alles richten? Wie kann das gehen?

Dazu hat Matthias Horx ein paar gute Worte geschrieben, die man so zusammenfassen kann: „Angesagte Revolutionen finden meistens nicht statt“.

Disruption ist selten überraschend und unvorhersehbar, sondern:

Die deutsche Energie-Branche wurde nicht durch Technologie „disruptiert“. Auch nicht (wirklich) durch Angela Merkel, die nach dem Desaster von Fukushima die komfortablen Atom-Meiler abdrehen ließ. Die Energie-Konzerne à la Eon und RWE haben sich durch ihre Kultur selbst in die Krise geritten. Sie waren träge, innovationsfeindlich und selbstgerecht.
Sie agierten als Monopolisten. Sie verstanden zu spät, dass eine Welt, in der die Menschen selbst anfangen, Energie zu produzieren, eine ganz andere Welt sein würde als die, die am Strom von zentralen Kraftwerken hängt, welche nur von Hundertschaften von Ingenieuren betrieben werden können.

Horx schließt- aus meiner Sicht völlig zurecht und bringt wieder ins Spiel, was die Digitalisierungs-Visionäre absichtlich ausblenden. Es gibt Gestaltungsspielraum, Digitalisierung passiert nicht einfach so, wir machen und entwickeln sie.

Disruption entsteht immer dann, wenn alte Systeme träge, selbstgerecht und zukunftsblind werden. Viele Unternehmen aber – die Mehrheit! – sind durchaus vital und lernfähig. Gerade deutsche Mittelständler üben seit Jahrzehnten die Kunst der graduellen Evolution: Sie verbessern ihre Produkte, aber auch ihre Prozesse, ständig. So laufen sie den Disrupteuren einfach davon – indem sie den Wandel, dessen Opfer sie werden könnten, selbst gestalten!

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