Warum sollte man diesen Teil lesen?
Weil es Situationen gibt, in denen Standardisierung plötzlich nicht mehr schützt, sondern im schlimmsten Fall blind macht. (Beitragsbild: © Feuerwehr Hattersheim)
Ich erlebe das sehr konkret:
Wenn im Nachbarnetz die Korridorsanierung startet, sind Umleiterstrecken über Nacht keine Nebenstrecken mehr, sondern hochbelastete Lebensadern. Bauprogramme, die gestern noch sinnvoll waren, müssen neu gedacht werden. Zustandsüberwachung folgt nicht mehr den alten Regeln, weil die Belastung des Fahrwegs sich vervielfacht. Entstörungsteams laufen am Limit. Personal- und Einsatzplanung werden sicherheitskritisch. Krisenmanagement ist kein Sonderfall mehr, sondern Tagesgeschäft.
Und genau hier stellt sich die unbequeme Frage:
Welche Standards gelten dann noch?
– Nicht die, die auf stabile Normalbetriebe ausgelegt sind.
– Nicht die, die Optimierung, Effizienz und Mittelwertdenken voraussetzen.
Was dann zählt, ist etwas anderes:
Schnelles Entscheiden im Hier und Jetzt Erkennen schwacher Signale, bevor sie zur Störung werden Crew Resource Management: jede Stimme zählt – nicht nur die hierarchisch lauteste Strecken- und Anlagenkenntnis schlägt jede noch so brillante zentrale Optimierung
Das ist kein Plädoyer gegen Standards.
Im Gegenteil: Standards sind die Voraussetzung, um in solchen Situationen überhaupt handlungsfähig zu sein. Aber sie müssen wissen, wann sie enden.
Ich ziehe hier bewusst Vergleiche zu anderen Branchen:
In der Luftfahrt, in der Medizin, in der Feuerwehr gilt dasselbe Prinzip:
Standard Operating Procedures strukturieren den Normalfall – Führung übernimmt, wenn der Kontext kippt. Dann entscheidet nicht das Handbuch, sondern Erfahrung, Lagebild und Teaminteraktion.
Genau deshalb wird die enge Abstimmung mit Auftragnehmern und Lieferanten entscheidend. Nicht vertragstreu im formalen Sinn, sondern operativ ehrlich:
Was geht wirklich? Wo sind Grenzen? Wo müssen wir umsteuern – jetzt, nicht nächste Woche?
Zentral ist dabei ein präzises tägliches Lagebild.
Nicht als Reporting für später, sondern als gemeinsame Realität im Jetzt. Nur so gelingt der Spagat, aus dem operativen Chaos von Störung und Krise heraus boardsichere Einordnungen liefern zu können – und gleichzeitig Kommunen, Regionen und weitere Stakeholder mitzunehmen, die die Auswirkungen unmittelbar spüren.
Das bedeutet:
Kommunikation ohne Ende.
Nach innen, nach außen, nach oben. Klar, ruhig, einordnend.
Und es bedeutet auch, eine Grenze zu ziehen:
Resilienz heißt nicht, Menschen endlos laufen zu lassen.
Es gibt einen Punkt, an dem Standards zur Ablösung greifen müssen, auch wenn keine formale Arbeitszeitverkürzung greift. Denn übermüdete Entscheidungsträger verlieren Urteilskraft – und das ist ein Sicherheitsrisiko.
Am Ende läuft alles auf eine brutale, aber notwendige Klarheit hinaus:
80/20 – kompromisslos.
Alles, was nicht zum stabilen Betrieb beiträgt, wird gestrichen, delegiert oder pausiert.
Kein Aktionismus. Keine Nebenkriegsschauplätze.
Fokus. Fokus. Fokus.
Die Quintessenz dieses Teils ist einfach – und unbequem:
Standardisierung hält Systeme stabil.
Führung hält sie handlungsfähig, wenn Stabilität nicht mehr reicht.
Wer diesen Unterschied nicht versteht, wird in der Krise formal korrekt scheitern.

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